Jeden Frühling wird das Gefieder erneuert. Für Swiss Vibes bedeutet dieser Gefiederwechsel eine Zeit der Unterbrechung. Wie ihr wisst, ist der seit fünf Jahren existierende Blog Swiss Vibes ein Sprachrohr der schweizerischen Musikszene, angeregt und belebt durch Journalisten aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland sowie England. In seinen Anfängen (im Jahre 2009) war Swiss Vibes jedoch nur eine einfache Zusammenstellung, ein Sampler, der von Pro Helvetia* ins Leben gerufen und jedem Abonnenten des französischschweizerischen Magazins Vibration zugestellt wurde. Der Erfolg dieses ersten Samplers führte 2011 zur Fortsetzung. Zu dieser Zeit entwickelte sich die Idee eines Blogs, welcher mehr Informationen enthält und somit der schweizerischen Musikszene, welche sich im Aufschwung befindet, größere Bedeutung zukommen lässt.
Aus einem einfachen Blog, bei dem ich die einzige Redakteurin, Animatorin und Aktivistin war, entwickelte sich schnell ein Webmagazin mit Artikeln auf verschiedenste Sprachen, welche aus den Federn leidenschaftlicher Journalisten entstanden : Beatrice Venturini, Debra Richards und HP Kuenzler (für die englischen Teile), Oliver Hochkeppel, Benedikt Sartorius, Souri Thalong, Benedikt Wieland (für die deutschen Teile) et Timothée Barrière, Jean-Cosme Delaloye, Sophia Bischoff und Ich (für die französischen Teile). Innerhalb kurzer Zeit wurde Swiss Vibes von Schweizer Musikern anerkannt, welche bei jedem neuen Projekt unsere Dienste ersuchten. Manche haben sich sogar aktiv beteiligt, indem sie ein Logbuch schrieben oder uns Fotos ihrer Tourneen sendeten. Danke an alle, für diese wertvollen Beiträge!
Heute, Pro Helvetia – welche die einzige Struktur ist, die Swiss Vibes finanziert – hat entschieden ihre Internetstrategie erneut zu überdenken. Swiss Vibes nimmt sich daher Zeit für Überlegungen und wird die regelmäßige Veröffentlichung von Artikeln unterbrechen. Ich persönlich nehme nach fünf fruchtbaren und bereichernden Jahren Abschied von Swiss Vibes. Tausend Dank an alle und bis bald, auf neuen musikalischen Abenteuern.
Vor vier Jahren erschien das Debut-Album des Yves Theiler Trio und wurde von der SRF2-Kulturredaktion gleich zum Trio-Album des Jahres gekürt. Eigentlich hätte er schon früher nachdoppeln wollen, sagt der 28jährige Pianist aus Zürich, aber ein Personal-, beziehungsweise Instrumentenwechsel hatte eine Verzögerung zur Folge. Statt dem Fretless-Ebass von Valentin Dietrich ist nun der Kontrabass von Luca Sisera zu hören, mit dem Theiler auch in der Band Roofer zusammenspielt. Der Klang des Instrumentes zusammen mit Siseras fluid-melodischem Stil verleihen dem rhythmisch explosiven und doch kristallklar präzisen Sound des Trios eine geradezu sonnige, neue Wärme.
So viel wird bereits im ersten Stück des von Radio SRF2 ko-produzierten Zweitlings “Dance in a Triangle” klar. Es heisst “For Bass” und beginnt mit einer fast zweiminütigen Einführung, wo eine fein gesponnene Bassmelodie von einer insistenten, einzelnen Pianonote und Perkussion vorwärtsgetrieben werden, ehe Theiler einen druckvollen Groove und eine labyrinthartige Melodie ins Geschehen einführt, die irgendwo zwischen Afrika und Erik Satie angesiedelt ist.
Mit dem Perkussionisten Lukas Mantel arbeitet der Pianist seit zehn Jahren zusammen. Das daraus resultierende telepathische Verständnis erlaubt es dem Trio, die überaus subtile Komplexität von Theilers Kompositionen – sie beginnen zumeist mit einer Improvisation allein am Klavier – mit einer rhythmischen Dynamik auszuleuchten, welche der atemberaubenden Virtuosität des Gebotenen einen starken, emotionellen Rückhalt gibt. Mit jugendlicher Verspieltheit jongliert Theiler mit Techniken und Stilen aus der ganzen Welt zwischen Eritrea, Ahmad Jamal und Post-Rock. Dennoch tritt nie das Gefühl auf, man habe es mit einer Elster zu tun, denn jeder Musiker hat seine eigene Stimme und schreckt nicht dafür zurück, sie laut und deutlich einzusetzen. Ein Album voller Witz, Energie und kühnen Kurven.
Ein Banjo zupft ein repetitives Muster, die Band setzt mit einem bestimmten, akzentuierten Spiel ein, während die Protagonistin durch den mit blauem Industrielicht ausgeleuchteten Gang schreitet – und näher kommt. Sie hat eine elektrische Gitarre, Marke Gretsch, umgehängt und als sie ankommt am Ende des langen Korridors, singt sie nur die Worte: «I’m still alive.»
Eine markante weibliche Stimme in der Schweizer Rocklandschaft
Die «Überlebende», die diese Zeile nicht ohne Trotz intoniert, ist Nadja Zela, die glücklicherweise immer noch da ist und seit über zwei Jahrzehnten eine markante weibliche Stimme in der Schweizer Rocklandschaft ist. Erst waren da Bands wie The Whooshings oder Rosebud, später dann Fifty Foot Mama. Ab 2009 veröffentlicht Zela nur noch unter eigenem Namen. Immer war die 44-jährige Zürcherin da, doch nie mittendrin. Denn dazu sind ihre Musik und ihre Stimme zu eigensinnig und unverkennbar. Und vor allem: Zela lässt sich nicht vereinnahmen. Wenn es zu bequem wird, dann bricht sie auf – und geht weiter.
“Ich bin doch nicht Blues! Ich bin auch nicht Rock oder Folk!”
«Immaterial World» ist ihr viertes Album. Sie hat es mit einer neuen, rockigeren Band eingespielt – mit Martin Fischer am Schlagzeug, Michel Lehner am Bass, Nico Feer an Gitarre und Bruder Rico Zela an Orgel und Oboe. Mitproduziert wurde es von Mama-Rosin-Mitglied Robin Girod. «Ich hatte einfach plötzlich wieder dieses Lechzen nach einer Rockband», schreibt sie. Denn ihr wurde es «zu Comfort-Zone-mässig» mit der vorherigen jazzigen Formation. «Ich mag es einfach nicht, wenn eine Szene mich für sich beansprucht. Ich bin doch nicht Blues! Ich bin auch nicht Rock oder Folk! Ich will Zela sein, irgendwas zwischen Bowie, Sister Rosetta Tharpe und Cheyenne aus ‘Spiel mir das Lied vom Tod’», so Zela.
Eine Art kollektive Ahnung
Das Album beginnt mit einem stillen «Prelude». «We are the children of the old world», singt Zela, nur begleitet von ihrem Gitarrenspiel. Sie meint mit dieser Zeile vor allem ihre Generation der «Golden Age Kids in Europa» – «die aufgeklärte, prosperierende, kolonialisierende, missionierende alte Welt.» Eine Welt, die wie der Kapitalismus ihrer Meinung nach ausgedient habe. Die «Immaterial World», die Zela in zwölf Songs besingt, empfindet sie «als eine Art kollektive Ahnung von einer seelischen Verbundenheit der Menschen in ihrem Bestreben nach Liebe, Zusammenhalt und Frieden.» Dies sei nicht religiös oder esoterisch motiviert, sondern rein emotional zu verstehen.
Die Gegenwart und Vergangenheit zu überwinden
Und so klingt denn auch «Immaterial World», das versucht, aufzubrechen in diese neue, bessere Welt – und es aber nicht immer schafft, die Gegenwart und Vergangenheit zu überwinden. Weil: Die Verletzungen, das Elend und Ungerechtigkeiten der momentanen Gesellschaft, sie geben den Ton mit an, beispielsweise im schroffen «I’m Still Alive» – einem der Schlüsselsongs der Platte – oder gleich darauf in «Break Every Bone». Und selbst wenn die Band ausgelassen aufspielt wie in «Sunday Morning» fühlt sich die Sängerin allein. Aber: «I try to carry on», weil es muss weitergehen, irgendwie.
Es gibt aber auch Hoffnung, und Aufrufe zu mehr Solidarität wie im grossartigen «Mercy on the Weak», in dem Zela und ihre Band eine entspannte und doch dringliche Gospelspielart entwerfen. Überhaupt: Diese Band folgt Zela und ihrer Stimme überallhin – sei es im Reggae «Level Off Level Out» oder im abschliessenden und tröstenden «Homeless Son» – und es ist zu hören, dass hier etwas gemeinsames entstanden ist, das mehr ist als nur eine weitere beeindruckende Soloplatte. Denn es ist so (und da darf man schon mal pathetisch werden, etwas, das dieses Album zu keiner Zeit ist): Nur gemeinsam ist sie zu erreichen, diese «Immaterial World».
Pianist Stefan Rusconi über die Entwicklung seines Trios und das neue Live-Album mit Fred Frith
Mit Rusconi, seinem Trio mit dem Bassisten Fabian Gisler und dem Schlagzeuger Claudio Strüby, reiht sich der Zürcher Pianist Stefan Rusconi seit bald 15 Jahren in die Riege der Erneuerer des klassischen Klaviertrios im Jazz ein. „Garagen-Jazz“ nannten Kritiker ihren charakteristischen, sehr zugänglichen und bis 2012 bei Sony erscheinenden Mix aus Jazz, Rock und Pop, der Einflüsse aus der elektronischen Musik bis hin zum Noise-Rock einer Band wie Sonic Youth – deren Kompositionen sie 2010 auf dem Album „It’s A Sonic Life“ interpretierten – verarbeitet. Nun ist beim eigenen „Qilin“-Label das Album „Live in Europe“ erschienen, das die gemeinsame Tour mit dem amerikanischen Avantgarde-Gitarristen Fred Frith dokumentiert.
Wie habt ihr und Fred Frith euch gefunden? Stefan Rusconi Wenn man seit ein paar Jahren unterwegs ist, denkt man über Gäste nach. Wir haben uns zuletzt immer wieder mal mit verschiedenen Leuten getroffen und sie zum Mitspielen eingeladen. Bei manchen hat es wider Erwarten nicht gepasst, bei anderen sehr gut. Ich glaube, es geht natürlich um Geschmack und eine ähnliche ästhetische Ausrichtung, aber auch sehr viel um Haltung. Was will ich in der Musik oder sogar im Leben? Was ist es, das mich da fasziniert, was ich leben möchte?
Da seid ihr euch mit Fred Frith ebenso einig wie in der Liebe zu extravaganten Sounds? Stefan Rusconi Ja, da decken wir uns mit ihm exakt. Nicht im Musikalischen, die Musik seiner Bands ist ganz anderes als unsere, und das hat ihn ebenso gereizt wie uns. Aber die Grundeinstellung, auf der Bühne in einem definierten Kontext Dinge zu wagen und so anzuspielen, dass sie scheitern könnten, aber dann doch die Kurve kriegen, dieses Spielerische, das teilen wir. Wir kennen ihn inzwischen besser, er ist öfter bei Fabian in Basel zu Besuch, weil er ja in Basel unterrichtet. Wir spielen dann alle mit Fabians drei Kindern.
Einfach einmal geklingelt
Ihr habt ihn also einfach gefragt, ob er mitmachen will? Stefan Rusconi Naja, es war auch ein bisschen Zufall. Wir waren für unsere „Revolution“-Platte in dem Haus, in dem wir immer aufnehmen. Wir bauen uns da immer selbst ein Studio zusammen und nehmen uns selber auf, ganz ohne diesen Strukturdruck, dass Techniker da sind, die gerne nach Hause möchten. Nur aufnehmen, das ist echt einfach. Wir haben einen Techniker, der richtet uns alles ein, und dann darf er wieder gehen. Das ist für den und für uns schön. In dieser Atmosphäre kam uns dann bei einem Track, bei „Alice In The Sky“, die Idee, dass da der Sound von Fred Frith perfekt passen könnte. Und er arbeitete quasi nebenan. Wir haben geklingelt, ihn gefragt, und er war sofort dabei.
So einfach geht das manchmal. Stefan Rusconi Ja, und das ist schon sehr schön, denn zu der Zeit hatten wir noch einen Manager. Und es lief bei solchen Features normalerweise so, dass der Manager einer Agentur oder irgendeinem Assistenten eine Mail schreibt, und dann die Anfrage hin und her geht. Das ist oft ein bisschen verkrampft und komisch. So hieß es halt: Ja klar, lasst uns ein bisschen spielen gehen, in den Keller runter. So ist das Ganze dann entstanden.
Das war dann direkt vor den Konzerten, bei denen das Album entstanden ist? Stefan Rusconi Nein, wir hatten etwa ein Jahr Pause dazwischen. In der hat Fabian immer mehr Gitarre gespielt, weil wir durch Fred gemerkt hatten, wie sehr wir diesen Sound gebrauchen können. Da kamen wir auf die Idee, mit ihm ein paar Konzerte zu spielen. Es hat sich also ganz natürlich ergeben, war kein Festivalprojekt – was auch toll sein kann -, und war deshalb total entspannt.
Ihr tourt jetzt aber gar nicht mit Fred? Stefan Rusconi Nein, im Moment spielen wir ohne ihn. Ich weiß, das ist jetzt nicht im Sinne eines klassischen Marketings. Aber wir hatten viele Gastfeatures zuletzt, und es ist jetzt schön, mal wieder auf einer Tour zu sein, wo wir mal wieder den ganzen Abend nur für uns haben (lacht).
„Die Schweiz ist so klein“
Du hast in Zürich studiert, Fabian in Basel und Claudio aus Luzern. Wie habt ihr euch denn gefunden, damals vor bald 15 Jahren? Stefan Rusconi Die Schweiz ist so klein. Da ist dann halt die eine Jam Session in Bern, die nächste in Luzern, da bist du eine Stunde unterwegs. In Berlin, wo ich seit einiger Zeit wohne, brauche ich die fast, nur um in den Übungsraum zu kommen.
Kann man sagen, dass die klaren Strukturen, das Rhythmische und das Hymnische eurer alten Alben jetzt in einen starken Kontrast zu Noise- und freien Improvisationsphasen treten? Dass also eure Ästhetik offener ist als früher? Stefan Rusconi Ja, das Gefühl habe ich auch. Das hat sich aber schon mit dem „History Sugar Dream“-Album und in den vergangenen zwei Tour-Jahren so entwickelt. Die Funktion von Fred kann auch immer jemand von uns übernehmen. Ich spiele dann halt mehr Synthi-Bass und Fabian Gitarre. Wir haben dann freilich immer noch den Kontext einer quasi konventionellen Band; bei Fred konnten wir wieder auf unsere Ur-Instrumente zurückkommen, gleichzeitig ergab sich sehr viel Raum, eine Spielwiese zum Ausprobieren. Die Stücke sind verschachtelter. Das ist, wo wir jetzt stehen, denke ich.
Esbjörn Svensson hat von seinem Trio mal gesagt: „Wir sind eine Rock-Band, die Jazz spielt“. Trifft das auch für euch zu? Stefan Rusconi Das würde ich nicht sagen. Der Claudio etwa spielt schon ein sehr distiguiertes Jazz-Schlagzeug. Esbjörn Svensson war so zehn Jahre vor uns, aber wir haben das schon mitbekommen: Es war damals richtig, sich ein bisschen zu distanzieren, zu sagen: Wir sind eine neue Generation, wir schauen auf die Geschichte ein bisschen anders, wir haben andere Höreinflüsse. Aber trotzdem: Für uns bleibt Jazz immer ein wichtiger Bezugspunkt. Es gibt halt viele Schnittstellen, auch bei der Film- und Theatermusik, die ich schreibe. Auch für Claudio und Fabian, wir loten unsere eigene Welt aus, eine sehr bildhafte.
„Wir fühlen uns Leuten verbunden, die an den Rändern arbeiten“
Dazu passen die Licht- und Videobegleitung eurer Konzerte. Ihr denkt Musik wohl sehr interdisziplinär? Stefan Rusconi Ja, wir haben an der „Art Basel“ sogar mit einer Modedesignerin gearbeitet, was aber nichts mit „Germans Next Top Model“ zu tun hatte oder an was man so denken könnte. Wir fühlen uns sehr verbunden mit Leuten, die an den Rändern arbeiten, ob die nun vom Film, von der Kunst oder aus der Mode kommen.
Ihr wart früher bei Sony, jetzt habt ihr „Live in Europe“ wie schon zuvor „History Sugar Dream“ beim eigenen „Qilin“-Label herausgebracht, das auch eine Plattform für befreundete Künstler sein soll. Ist die Zeit der Majors für Jazzmusiker vorbei? Stefan Rusconi Ich weiß nicht. Es muss einfach passen, und bei uns hat’s nicht mehr gepasst. Große Labels schauen sich Musik nach einem Verkaufsargument an, und dann läuft die Maschine Major auch. Es gibt immer noch Jazz, den man so unter die Leute bringen kann. Unser Sonic-Youth -Album wurde damals in den Magazinen besprochen, die beim Friseur liegen. Das ist einfach nicht unser Publikum. Wir haben uns auseinanderbewegt bei dem, was so ein Major gut kann, mit uns aber gar nicht mehr umsetzen konnte. Am Anfang war das noch anders, da war alles noch offen. Das hätte Zukunft haben können, das haben wir dann irgendwie anders entwickeln lassen. Bei einem Till Brönner zum Beispiel, ein toller Musiker, mit dem ich auch schon gespielt habe, kann das prima funktionieren. Für uns aber sind gewisse konkrete Erwartungshaltungen inzwischen ein Horror. Wir fühlen uns sehr wohl, wo wir sind. Auch wenn die Konsequenz ist, dass alles etwas länger dauert, und die Leute dich ein bisschen suchen gehen müssen. Das ist aber auch was Schönes, das hat für uns viel mit einer Lebenshaltung zu tun, bei der wir alles an uns genommen und unter Kontrolle haben. Das färbt auch auf die Musik ab: Es ist dann etwas konsequent Eigenformuliertes.
Schon seit Jahrzehnten gibt es ein paar Streichquartette, die von der reinen Lehre abgefallen sind. Das Kronos Quartet und das Turtle Island Quartet (interessanterweise beide aus San Franzisco) oder das Modern String Quartet in Deutschland betrieben seit den Siebziger und Achtziger Jahren, was man so unglücklich als Crossover bezeichnet hat. Doch erst mit der Genre-sprengenden und Stil-übergreifenden Bewegung des europäischen Jazz aber hat die Streichquartett-Szene wirklich Fahrt zu einem eigenen neuen Format aufgenommen. Ensembles wie das radio.string.quartet.vienna aus Österreich, das Atom String Quartet aus Polen oder das ursprünglich rein klassische Quatuor Ebène aus Frankreich eröffneten der Besetzung neue Wege.
Neue Maßstäbe
Das Schweizer Kaleidoscope String Quartet setzt jetzt mit seinem zweiten, beim Berliner Traumton Label erschienenen Album „Curiosity“ noch einmal neue Maßstäbe.Das mag damit zusammenhängen, dass die vier Musiker, abgesehen von der so gut weil allen Streichern gemeinsamen klassischen Basisausbildung aus ganz verschiedenen Ecken kommen.
Geiger Ronny Spiegel hat sich neben zahlreichen Konzertmeister-Tätigkeiten bei klassischen Orchestern wie der Sinfonieorchester Tifico und Nota Bene,dem Neuen Züricher Orchester, des ad hoch Ensembles, der Zuger Sinfonietta oder der Camerata Schweiz vor allem in der Klezmer – und Balkan-Szene getummelt.
Bratschist David Schnee hat sich neben dem Züricher Galatea-Quartett insbesondere auf freie Improvisationsmusik verlegt und leitet einen Musiker-Pool für Filmmusiken.
Cellist Holme Song ist von der härteren Fraktion und spielt vorzugsweise in Rockbands.
Und der Berner Geiger Simon Heggendorn, sozusagen der Primarius und vorrangiger Komponist des Quartetts, hat neben dem Konservatorium auch die Swiss Jazz School absolviert. Dass alle vier stets einen gemeinsamen Nenner suchen, dabei aber ihre jeweiligen Qualitäten einbringen, macht das Besondere und Überraschende von „Curiosity“ aus.
Klassischer Ton und Jazz-Spirit
Schon beim Opener „Sommer“ wird die fröhlich-klassische Grundmelodie auf verschiedenste Weise gebrochen, durch harte Pizzicati, Ausritte in südosteuropäischen Melos oder folkige Riffs. Das folgende „Winter“ übertragt das ins elegisch-getragene Moll. Die meisten Stücke, vom „Choral“ bis zur „Rhapsody in D“, arbeiten mit extremer Dynamik und dem spannungsreichen Kontrast aus weichen, gezogenen Linien und synkopiertem Stakkato sowie aus harmoniebetonten Melodien und dissonanter Begleitung. Ein enormer Fundus, der dem Titel „Kaleidoscope“ mehr als gerecht wird.
Die vier selbst scheuen sich, einen Stilbegriff für ihre Musik zu verwenden. Im Ton sind sie klassisch, ihr Material aber ist wie bei einer Rockband selbstgeschrieben und selbstbestimmt, und die Aufführungspraxis wiederum ist vom Jazz-Spirit durchdrungen, verändert sich doch der konkrete Klang der bis auf Solopassagen ausgeschriebenen Stücke im Zusammenspiel von Konzert zu Konzert. Dazu passt, dass das Kaleidoscope String Quartet im Januar mit dem Jazz Orchestras des SwingBop-Altmeisters Joe Haider (gemeinsames Album: „Keep It Dark“) auf Tour geht. Beweist es doch, dass sich der Jazz auf zwei Arten immer mehr der klassischen Musik nähert: Als „Zweite Klassik“ einer historisierenden Repertoire-Musik und – wie „Curiosity“ eindrucksvoll belegt – als die eigentlich moderne komponierte Kunstmusik.
So recht weiss man nicht, wie einem geschieht, wenn man sich Phall Fatales zweites Album «Moonlit Bang Bang» anhört. Da ertönen Klänge, die man so nicht erwartet, geschweige denn einordnen kann. Wenn Phall Fatale all die scheinbar unvereinbaren Elemente in einen Topf wirft, entsteht nicht etwa eine braune, undefinierbare Brühe, nein: Sie erschaffen ein Mosaik aus tausenden Farben – die einzelnen Elemente unterschiedlich, die sich zusammen zu einem prächtigen Kunstwerk vereinen.
Akustische Explosionen, mal minimalistisch, mal wuchtig
Bei all den Klangexperimenten erstaunt es, dass keiner der Songs je überladen wirkt. Die Virtuosität der Musiker zeigt sich in der Umsichtigkeit, mit der die Sache angegangen wird. Weil all den akustischen Explosionen genug Raum gelassen wird, zu wirken, kommen sie erst recht zur Geltung; kein kurzes, gewaltiges BANG, sondern ein stetes Bang-Bang-Bang-Bang… Minimalistisch arrangierte Songs wie «Tree House» oder «Night» vermögen einen gleichermassen wegzublasen wie etwa das wuchtige «Crocodile».
Wer sich nach dieser Beschreibung noch nicht wirklich ein Bild von «Moonlit Bang Bang» machen kann, dem sei als Einstieg «Electric Eel» empfohlen: Die treibenden Beats werden einen nicht mehr loslassen. Und da wäre noch der Song «The Girl, The Beat», welcher uns eindrücklich demonstriert, wie sich ein perfekter Popsong im Jahr 2015 anhören könnte.
Die Vielfältigkeit, welche Phall Fatales Musik so spannend macht, ist wohl auch auf die Besetzung zurückzuführen. Da fanden sich Musiker mit verschiedenen musikalischen Hintergründen: Zum seit vielen Jahren aktiven und in der Jazz-Szene bekannten Schlagzeuger Fredy Studer gesellten sich im Jahr 2008 zwei Sängerinnen, Joy Frempong (OY, Filewile) und Joana Aderi (Sissy Fox, Eiko), und zwei Kontrabassisten, John Edwards (Mulatu Astatke, Robert Wyatt) und Daniel Sailer (Frachter, Pol).
«Fatale Tage» im Helsinki in Zürich
«Moonlit Bang Bang» erschien am 16. Oktober 2015 auf Qilin Records und Slowfoot Records. An den «Fatalen Tagen» im Helsinki in Zürich vom 4. bis 7. November 2015 – quasi ein Mini-Festival über vier Tage – kann man sich ein Bild davon machen, wie die Songs des neuen Albums live umgesetzt werden. Danach spielen Phall Fatale bis Mitte Januar 2016 Konzerte in verschiedenen Schweizer Städten.
Live Die aktuellen Konzertdaten von Phall Fatale: 4. November 2015, Helsinki, Zürich, w/ Joy Frempong & Philippe Ehinger 5. November 2015, Helsinki, Zürich, w/ Pol 6. November 2015, Helsinki, Zürich, w/ Fredy Studer, John Edwards 7. November 2015, Helsinki, Zürich, w/ Sissy Fox 2. Dezember 2015, Cinema Sil Plaz, Ilanz 3. Dezember 2015, Le Singe, Biel/Bienne 4. Dezember 2015, Le Nouveau Monde, Fribourg 5. Dezember 2015, Südpol Club, Luzern 6. Dezember 2015, bee-flat, Bern 20. Januar 2016, Le Bourg, Lausanne 21. Januar 2016, Café Mokka, Thun 22. Januar 2016, Kraftfeld, Winterthur 24. Januar 2016, Kaserne, Basel
Mit seinen 36 Jahren gehört der Saxofonist Christoph Irniger zur der Generation junger Jazzmusiker, denen buchstäblich die Welt gehört. Mag die frühe musikalische Prägung noch regional verortet sein, die Ausbildung und Arbeit im Jazz ist es heutzutage nicht mehr. Kommilitonen, Dozenten, Bands – der internationale Austausch ist vollkommen, ob in Paris, Boston, Berlin oder Zürich. Man hört das – auch bei Christoph Irniger.
Vieles ist bei ihm eingeflossen durch den Unterricht bei Amerikanern wie David Friedman, Mark Turner oder Ari Hoenig, durch Aufenthalte in New York oder Berlin, durch die Arbeit mit Leuten wie Nasheet Waits, Dave Douglas, Nils Wogram, Max Frankl oder Claudio Puntin. Ein normaler Austausch für heutige Profi-Jazzer, trotzdem ist nicht selbstverständlich, was Irniger daraus entwickelt hat: einen eigenen Ton und eine typische Kompositionshaltung.
Spektakulär unaufgeregt
Beides ist wunderbar auf seinem neuen Trio-Album „Octopus“ (erschienen bei Intakt) zu bewundern. Schon den Opener „Air“ – der Titel hat nichts mit Bach oder Ähnlichem zu tun, er rekurriert auf die Luftzirkulation, wie sie ein Saxofonist besonders intensiv wahrnimmt – dominieren Irnigers ganz betont unaufgeregten, noch in stürmischen Passagen lyrischen, ungewöhnlich vibratolos gespielten Saxofonlinien. Stets sind melodische Elemente, vom minimalistischen Motiv bis zum ausgewachsenen Ohrwurm, die Basis von Irnigers Kompositionen.
Ihre oft nur rhythmische Variation und formale Entwicklung ist hier die große Kunst. So kann man sich trefflich darüber streiten, welches Stück am wunderbarsten mitreißenden Drive und unwiderstehliche Kraft aus seinen ganz schlichten Ausgangsmaterialien entwickelt. Das beboppig und mit federndem Schlagzeug startende „Dovescape“; das flinke „VGO“ mit seinen Quartenspielereien; oder doch das shuffelige „Blue Tips“, das mit seinen verzögerten, dann immer kurioser gefüllten Stops ebenso Spannung wie gute Laune aufbaut.
Eine echte working band
„Octopus“ ist nach „Gowanus Canal“ bereits das zweite Album dieses 2011 zusammengefundenen Trios. Irniger hatte in New York den israelischen Schlagzeuger Ziv Ravitz kennengelernt und sofort das Potential einer Zusammenarbeit entdeckt. Der 39-jährige liebt das perkussive, farbintensive Schlagzeugspiel, noch in den verwegensten polyrhythmischen Eskapaden bleibt er swingend. So ist er inzwischen einer der gefragtesten Drummer der New Yorker wie der internationalen Szene geworden, von den großen Alten bis zu den jungen Wilden. So spielt Ravitz unter anderem fest im Lee Konitz New Quartet, aber auch im Shai Maestro Trio, in der Yaron Herman Group oder bei Florian Webers Minsarah. Und eben in Christoph Irnigers Trio.
Der Bassist Raffaele Bossard wiederum war quasi gesetzt. Dem Heiri-Känzig-Schüler und Mitglied von Matthias Spillmans Mats-Up vertraut Irniger auch schon in seinem Quintett Pilgrim, bei dem es viel wilder zur Sache geht. Es handelt sich also hier in der Tat um eine working band mit drei gleich talentierten wie orientierten Mitgliedern, die bereits viel Zeit miteinander verbrecht hat. Und so ist jeder nicht nur befugt, sondern auch befähigt, eigene Akzente zu setzen. In besten Fall, etwa bei „Ocean Avenue“ oder „Cripple X“ gelingt es den dreien, dass jeder eine völlig eigene, aus dem Moment geborene Stimme spielt, die sich doch perfekt ergänzen. Mehr kann man von einem Jazztrio nicht verlangen. Irniger wird demnächst beweisen, dass das live mindestens so intensiv klingt wie auf Platte, er ist in den nächsten Monaten sowohl mit seinem Trio wie mit seinem Quintett auf Tour.
Es gibt gleich einige gute Gründe, warum der Berner Andreas Schaerer derzeit der vielleicht interessanteste Gesangskünstler der Musikszene ist. Was damit beginnt, das der aktuelle Preisträger des Echo Jazz in der Sparte „Gesang international“ (und damit direkter Nachfolger von Gregory Porter) weit mehr ist als nur ein Sänger und auch nur bedingt in die Schublade Jazz passt; Schaerer ist vielmehr ein Stimm-Jongleur, der sein Organ nicht nur in den verschiedensten Lagen und Stilen (vom klassischen Lied- bis zum Crooner- oder Scat-Gesang) erklingen, sondern damit auch alle denkbaren Geräusche erzeugen und allerlei Instrumente bis hin zum Schlagzeug imitieren und polyphon übereinander türmen kann. Er ist darüber hinaus ein glänzender Komponist und Improvisator, der diese Fähigkeiten für die verschiedensten Projekte variabel einsetzen und rhythmisch wie melodisch virtuos gestalten kann. Und er verfügt schließlich in reichem Maße über Bühnen-Charisma und die in der „ernsten Musik“ eher seltenen Gabe des Humors, was vor allem bei seiner Paradeband Hildegard lernt fliegen zur Geltung kommt.
So ist es folgerichtig, dass Hildegard lernt fliegen vor zwei Jahren den BMW Welt Jazz Award gewann, als dessen jährlich wechselndes Motto „Sense of Humour“ lautete; und dass Schaerer mit der Band nun beim Lucerne Festival ins Spiel kam – lautet doch dessen Motto heuer „Humor“. Dramaturg Mark Sattler, beim Festival seit 16 Jahren für „zeitgenössische Projekte“ zuständig, fragte Schaerer, ob er nicht einen Hildegard-Auftritt mit einer 20-minutigen Komposition für das Lucerne Festival Academy Orchestra kombinieren wolle. Schaerer ergriff mehr als nur den gereichten Finger und schrieb gleich den kompletten 70-Minuten-Auftritt als „The Big Wig“ betiteltes Orchesterstück für 66 Musiker. Am vergangenen Samstag erblickte das kurz, aber intensiv geprobte, von Schaerer komponierte, arrangierte und orchestrierte, dann vom Hildegard-Saxofonisten (und ehemaligen Geiger) Matthias Wenger feingeschliffene Werk im Luzerner KKL das Licht der Welt – und riss die Zuschauer von den Stühlen.
Paradoxerweise – hält man sich das Festivalmotto vor Augen – hat man wohl noch keinen „seriöseren“, weniger „lustigen“ Hildegard-Auftritt erleben können. Was die logische und bewusste Konsequenz daraus war, dass Schaerer seine Chance beim Schopf packte und alle Möglichkeiten des sinfonischen Rahmens ausschöpfte. Denn damit traten er selbst wie seine Hildegard-Mitstreiter sozusagen ins zweite Glied, um sich in den orchestralen Gesamtklang einzufügen. Die drei adaptierten Hildegard-Hits „Zeusler“, „Seven Oaks“ und „Don Clemenza“ gewannen so einen neuen Fluss und enorme, mitunter filmische Kraft und verloren die in der kleinen Besetzung latente Zickigkeit. Und die eigens geschriebenen Stücke wie „Two Colosses“ ergaben inspirierte Sinfonik mit einem Esprit und einer stets zugänglich bleibenden Experimentierlust, der den meisten neuen Werken dieses Genres fehlt. Das junge, mit überragenden Talenten aus aller Welt gespickte und vom Dirigenten Mariano Chiaccharini lässig, aber präzise instruierte Orchester hatte sichtlich seinen Spaß und ließ sich sogar vom kurz das Dirigentenpult enternden Schaerer auf Jazz-Abwege führen: Wann hat man je ein Sinfonieorchester gelungen kollektiv improvisieren sehen.
Eine sinnvolle Symbiose
Ohnehin ist die Kombination aus klassischem Orchester und Jazzband ja schon oft genug missglückt, zuletzt durfte man sich bei Geir Lysnes Monteverdi-Morricone-Hybridkompositionen vom Auftritt Michael Wollnys mit den 12 Cellisten in Berlin enttäuscht fühlen. Hier war es eine runde Sache, eine sinnvolle und befruchtende Symbiose, die allen Beteiligten nicht nur unvergesslich bleiben, sondern ihnen auch bei der weiteren musikalischen Entwicklung helfen wird.
Gleich bei der sinnigerweise „Ghost Fun“ benannten Einstiegsnummer raschelt und klappert es im Hintergrund, eine weit entfernte Stimme schnauft und singt – oder besser spricht –die Motive ansatzweise mit, die das Klavier fiebrig anreißt. Dass Klappern beim Genfer Pianisten und Komponisten Michel Wintsch zum Handwerk gehört, darf man indes schonb lange vor seinem neuen Album „Roof Fool“ behaupten. Schon immer hat sich der mittlerweile 51-Jährige für die Interferenzen und Interpolationen von Musik interessiert, für den Beiklang ihrer Entstehung, für die Hörbarkeit von Ursache und Wirkung. Schon als Kind wurde Klavierspielen für ihn zu einer Art „unverzichtbarer Askese“, wie er es selbst beschreibt, und das Erschaffen von Klängen zu einer Lebensweise. Was an Musikschulen gelehrt wird, hat ihm deshalb nie genügt, Wintsch suchte seine Inspiration immer in den verschiedensten, nicht unbedingt alltäglichen oder offensichtlichen Quellen.
Urklänge mit vielfältigen Bausteinen
So ist Wintsch immer ein Avantgardist gewesen; einer freilich, bei dem die als klassische Avantgarde angesehene Moderne Musik nur ein kleiner Baustein ist. Der Spirit des Freejazz, die formalen Strukturen der Orchesterkomposition, die radikale Reduktion der Minimal Music, die Energie des Progressive Rock, die Sounderweiterungen der Elektronischen Musik – all das fließt in seiner Musik zusammen. Das machte ihm zum idealen Gefährten von Freigeistern wie Han Bennink, Ray Anderson, Michel Doneda, Fred Frith (zusammen mit der Schweizer Experimental-Vokalistin Franziska Baumann, der chinesischen Pipa- und Guqin-Spielerin Yang Ying oder dem Quintett desjungen Schweizer Trompeters Marco von Orelli; zu einem gefragten Theater- und Filmmusikkomponisten, zum Beispiel für zwei Spielfilme von Alain Tanner; vor allem aber zum immer noch unterschätzten spiritus rector diverser eigener Projekte, vom Trio WWW mit Christian Weber und Christian Wolfarth bis zum Sextett Face Nord.
Abstrakte Musik für den Live-Moment
Dazu kommt mit „Roof Fool“ jetzt wieder ein Soloprogramm, das den eingeschlagenen Weg fortsetzt. In den meisten der 14 ganz disparaten, oft ganz auf eine starke Idee vertrauenden und deshalb erfreulich kurzen Stücken brodelt ein nach allen Seiten offener Urklang vor sich hin. Es kann dann ganz atonal und sprunghaft werden („Shopping Ladies“), aber auch sphärisch-melodisch („Phytihob Wag“), mal ein Spiel mit Pausen und Anschlägen („Là où y a des croîtres“), ein wilder rhythmischer Parforderitt („Si c’est assez, cessez“) oder eine locker vor sich hinschaukelnde Miniatur („Adroit à gauche“). Selbst wenn die technischen Anforderungen hoch sind wie bei „Dyuke“ und das Timekeeping in die Nähe des Schlagzeugspiels rutscht wie beim Titelstück, steht das Pianistisch-Virtuose nie im Vordergrund, stets geht es um die Klangidee.
So bleibt Wintschs Musik abstrakter, weniger gefällig und schwerer zugänglich als die der meisten anderen Pianisten – selbst wenn manches nicht eines erfrischenden Humors entbehrt, wie ja schon der Name von Wintschs bekanntestem, seit 1998 bestehenden Trio mit dem US-Schlagzeuger Garry Hemingway und dem Schweizer Bassisten Benz Oester: The Who Trio. Seine Musik ist oft eins mit ihrem Entstehungsprozess. Schon deshalb ist die Aufnahme hier in besonderer Weise nur ein Hilfskonstrukt zur Bewahrung dessen, was eigentlich ganz dem Moment gehört. So wird der Spezialist „Roof Fool“ mit viel Gewinn hören, die meisten Hörer aber werden sich anstrengen müssen. Für sie dürfte es äußerst hilfreich sein, Michel Wintsch beim kreativen Akt beobachten zu können. Diese Gelegenheit ergibt sich am 30. August beim Willisau Jazzfestival, wenn Wintsch sein Album vorstellt. Alleine am Flügel, aber mit dem für das Projekt äußerst wichtigen Soundmann Benoit Piccand – womit wir wieder beim Rascheln und Schnaufen sind.
Andreas Schaerer bekommt in Hamburg den Echo Jazz als „Sänger des Jahres International“
Andreas Schaerer ist in Deutschland angekommen. Im vergangenen Jahr gewann der Berner Sänger mit seiner wilden Band Hildegard lernt fliegen in München den mit immerhin 10.000 Euro dotierten BMW Welt Jazz Award. Jetzt durfte er in Hamburg den Echo Jazz in der Kategorie“ „Sänger des Jahres International“ – sein direkter Vorgänger war kein Geringerer als Gregory Porter – entgegennehmen. Zwar undotiert, aber vom Renommee her inzwischen doch eine Art deutscher Grammy. „Ich freue mich unglaublich über die Auszeichnung“, sagte Scharer, kurz bevor er den Spießrutenlauf auf dem roten Teppich zur Fotowand nach amerikanischem absolvierte. „Das ist ja eine Form der Anerkennung, die einen in seinen Überzeugungen bestätigt. Eine Resonanz, die einen motiviert, das oft unglaubliche Arbeitspensum auf sich zu nehmen, Gas zu geben, alles auf eine Karte zu setzen.“
Schaerers Auszeichnung hat Signalwirkung
So wie der Begriff Jazz inzwischen kein fest definierbares Genre mehr beschreibt, sondern für individuelle Musik heterogenster Quellen steht, so ist auch die Kategorie „Sänger“ bei Andreas Schaerer ein hilflose Untertreibung. Er setzt nicht nur alle Stile von der Opernkoloratur und dem klassischen Liedgesang über Crooner-Swing und Bebop-Scat bis zu expressionistischen Vokalisen und Experimentalgesang ein, er imitiert auch Geräusche und Instrumente und beherrscht überdies Multiphonic-Beatboxing. In den verschiedensten Projekten, vom Duo mit dem Schlagzeuger Lucas Niggli über das Trio Schaerer-Rom-Eberle über die Kollaboration mit dem Arte Quartett und dem Bassisten Wolfgang Zwiauer bis zum Vorzeige-Sextett Hildegard lernt fliegen er damit gleichberechtigtes Instrument, ja als Komponist vieler Stücke auch oft Erster unter Gleichen. Als weiteres Alleinstellungsmerkmal kommt der direkt der Musik entspringende wie in den Moderationen gepflegte Humor dazu, der seinen Auftritten oft schon kabarettistische Züge verleiht. Leider durfte Schaerer beim Echo nicht auftreten, der wie viele andere beim Festakt selbst die Musik jenseits des Mainstreams vermisste.
Dafür gab es eine schöne Laudatio von Mr. Tagesschau Jan Hofer , der Schaerers Auftritte als „Orgien der Fantasie, famoses Chaos und Anschläge auf der Musikverständnis“ rühmte – obwohl er ihn noch nie live gesehen hat, wie er im kleinen Kreis bei der anschließenden Party verriet. Schaerer griff in seiner kurzen Dankesrede die Erwähnung seiner klangexperimentellen Jugend in den Emmentaler und Walliser Bergen gewohnt humorvoll auf: Er habe sich als Kind oft gefragt, wie das Echo aussieht, das ihm aus dem Tal zurückkam. Jetzt – und dabei reckte er die sperrige Trophäe empor – wisse er es. Wie ein Schweizer Echo idealerweise klingt, das erfahren demnächst die Besucher von „Bingen swingt“ und des Südtirol-Festivals, bei dem Schaerer zu den favorisierten Stammgästen des innovativen Festivalleiter Klaus Widmann gehört.