Klaus Johann Grobe an der Bad Bonn Kilbi 2015

Ihr Label ist in den USA beheimatet, und die Bühnen, die sie bespielen, befinden sich nicht selten in England oder im angrenzenden Euroland – so spielten sie eben am Entdeckerfestival The Great Escape in Brighton. Hierzulande blieben Sevi Landolt und Dani Bachmann lange Zeit unbehelligt, was wohl auch mit dem Namen zusammenhängt, den sich die beiden gegeben haben. Klaus Johann Grobe lautet dieser und unter diesem Namen fabrizieren sie eine analoge Musik, die repetitiv und doch nervös getaktet ist.

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Im vergangenen Jahr erschien ihr Album «Im Sinne der Zeit», das in Winterthur aufgenommen wurde und seither eigentümliche Runden dreht. Krautrock, Soul und heiss-kühle Tropicália: all das sind Elemente, die auf dieser Platte echohaft und psychedelisch anklingen. Es ist eine retrofuturistische Tonspur, die aus Orgel, Bass, Schlagzeug und verhallten Stimmen gebaut ist und die perfekt in eine popmusikalische Gegenwart passt, in der oftmals nicht mehr genau ausgemacht werden kann, wo der Song aufhört und der Track beginnt und was Vergangenheit, Zukunft oder das Jetzt eigentlich sind.

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«Die Zeit, sie steht still // der Kamin qualmt vor sich hin und wir sind auf der Reise», singen Klaus Johann Grobe im kosmisch-melancholischen «Schlaufen der Zukunft», und kommen zum Schluss: «Wir sind noch nicht am Ziel.» Dass das Ziel noch nicht erreicht ist, dokumentiert auch die Wiederveröffentlichung ihrer namenlosen EP aus dem Jahr 2013 auf dem englischen Label Salvation Records – und ein eindrücklicher Tourplan, der sie quer durch Europa und glücklicherweise auch an die Bad Bonn Kilbi führt.

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28.05. Düdingen, Bad Bonn Kilbi
11.07. Lausanne, Festival De La Cité,
21.07. Nyon, Paléo Festival

Alle Daten der Tournee, die Klaus Johann Grobe auch nach Deutschland, Luxemburg, Spanien, Frankreich und Holland führt, sind hier notiert.

Manuel Troller @ bee-flat, Bern, 18/03/2015

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Wenn das Jahr so weitergeht, dann wird 2015 das Jahr von Manuel Troller. Denn der Luzerner Gitarrist hat eben mit seinem Powertrio Schnellertollermeier das monströse Album «X» veröffentlicht, das toll die Barrikaden zwischen Rock und Jazz niederreisst (und zurecht mit Superlativen bedacht wird).

Seit kurzem spielt Troller auch Solokonzerte. So teilte er Anfangs März in Luzern die Bühne mit dem ehemaligen Sonic-Youth-Gitarristen Lee Ranaldo, und nun, in der Berner Turnhalle, eröffnete er den Abend der bee-flat-Konzertreihe «Stage For Two», an dem nach Troller mit Marc Ribot ein anderer grenzüberschreitender Gitarrist zu erleben war.

Zu Beginn seines gut vierzigminütigen Soloauftritts strich Manuel Troller mit einem Geigenbogen über die Saiten seiner elektrischen Gitarre, der in einem rasenden Arpeggio-Teil mündete, ehe Troller entschleunigte und leisere Töne in den Raum schickte. Das Leise, es führte über in eine Noise-Passage, in der er mit seinen Pedalen und Loop-Geräten einen zerhackten Störfunk-Beat arrangierte – einer, der an Werke von Laptop-Manipulationskünstler erinnerte. Trollers Neugier nach neuen Klängen, in der die Gitarre das «gitarristische» verliert, war in allen diesen verschiedenen Aggregatszuständen seines Spiels zu spüren und hören. Sein Set beschloss Troller mit einem akustischen Stück, das die Americana von Saitenkünstlern wie John Fahey zitierte.

Der Abend blieb in der Folge akustisch, denn Marc Ribot entschied sich für sein Set für die unverstärkte Gitarre. Ganz zum Schluss des Abends holte Ribot seinen 28-jährigen Kollegen für ein spontanes Duo auf die Bühne – ein würdiger Abschluss eines überaus tollen Abends.

Solokonzert: 11.6., B-Sides Festival, Kriens

Konzerte mit Schnellertollermeier: Zürich, Walcheturm, 10.4. Schaffhausen, Jazzfestival, 9.5. Luzern, Südpol, 13.5. St. Imier, Toxoplasmose Festival, 6.6. Kriens, B-Sides Festival, 13.6. Danach Tournee in England.

Schnellertollermeier: «X» (Cuniform Records)

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Great Black Waters: «Glow, Sand & Other Songs»

Björn_Coverfoto_Quer_mediumVerwackelte Bilder eines mehrspurigen Highways, aufgenommen auf dem Armaturenbrett eines Autos, das Meile um Meile der untergehenden Sonne entgegenfährt: Das simple Video zu «Sand» könnte die Verbildlichung des ganzen Albums von Great Black Waters sein. «Glow, Sand & Other Songs» fühlt sich an wie eine ziellose Reise unter einem psychedelisch glühenden Himmel – mit den Haaren im warmen Fahrtwind, mit den Gedanken frei.

Dezent verpackt

Irgendwo zwischen den ekstatischen Gitarrenriffs und den erdigen Drums, Akustik- und Bassgitarren schwebt die Stimme von Great Black Waters gleichmässig und teilweise fast schon flüchtig in das Klanggeschehen hinein. Wo andere Musiker versuchen, in der Tiefe verborgene Gefühle bisweilen plump nach aussen zu tragen, verleiht Björn Magnusson, der hinter dem Pseudonym steckt, den Songs mit dezent verpackten Worten Struktur. Seine zurückhaltende Art ist eine erfrischende Abwechslung zur sonst so beliebten Zelebrierung gekünstelter In-Your-Face-Attitüden.

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Brachial und fesselnd

An der Plattentaufe im Helsinki in Zürich blieb Magnusson unverkrampft wortkarg und spielte mit seinen vier Mitmusikern (u.a. Fai Baba) auf der kleinen Bühne ein mächtiges Set; mächtig, weil die verzerrten Gitarrenklänge sich wie eine massive Klangwand vor einem aufbauten. Wo auf dem Album hier und da eine besonnene Leichtigkeit mitschwingt, war der Auftritt grösstenteils geprägt von brachialer, fesselnder Rohheit. Man fand sich manchmal in einer grossartigen Jam-Session wieder.

Great-Black-Waters-©-by-Danny-Hole_Quer1In den diffusen Melodien von «Glow, Sand & Other Songs» verliert man sich schnell und gerne. Mit trockenem Sand in den Haaren blickt man in den rot-blau glühenden psychedelischen Himmel und weiss für einmal die Schönheit des Ungewissen zu schätzen.

«Glow, Sand & Other Songs» erschien am 6. Februar 2015. Great Black Waters spielt am 28. Februar zusammen mit Fai Baba im Albani in Winterthur.

Ephrem Lüchinger: «Are You Prepared?»

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Vor sieben Jahren ging der Pianist Ephrem Lüchinger für zwei Tage ins Studio, improvisierte und experimentierte alleine mit seinem Instrument, das der Zürcher mit allerlei Gegenständen präparierte. Das Material, das in diesen Tagen entstanden ist – zeitweise in Begleitung des Posaunisten Michael Flury – jagte Lüchinger später durch den Laptop, verfremdete und arrangierte die Klaviersounds neu und setzte sie zu 34 Stücken zusammen, die nun, auf der CD-Trilogie «Are You Prepared?» zu hören sind.

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Ephrem Lüchinger – Are you prepared from ephrem lüchinger on Vimeo.

Entstanden ist eine reichhaltige Sammlung an neugierigen Klängen, die wahlweise technoid schimmern, romantisch schillern und auch popnah dahinschlendern können. Soundclips, Tracks und auch Songs sind auf «Are You Prepared?» zu hören – und die Trilogie entpuppt sich mit dieser Formenvielfalt auch als Suche nach den sonischen Grenzen des Klaviers, eine Suche, die allerdings scheitert. Denn Lüchinger, der in zahllosen Bands seine Spuren hinterlassen hat, entdeckt in seinem Instrument zuweilen Sounds, die man auch beim dritten Hördurchgang nicht mit einem Klavier in Verbindung bringt. So ist «Are You Prepared?» eine überaus lohnenswerte Reise in den Saitenkasten eines Instruments der unbegrenzten Möglichkeiten. Möglichkeiten, die Ephrem Lüchinger verspielt und doch konzentriert auslotet.

Ephrem Lüchinger, “Are You Prepared?” (Dist CH Irascible)

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Monoski: «Pool Party»

Monoski (Photo: Mehdi Benkler)

Nichts auf der Welt scheint einfacher zu sein, als lauten, primitiven Garage-Rock zu fabrizieren. Eine schön verzerrte Gitarre und ein minimal gespieltes Schlagzeug reichen scheinbar, um dem Rock’n’Roll in seiner essentiellen, weil dreckigen und lärmigen Form zu huldigen. Doch natürlich: das Einfache ist immer schwieriger zu bewerkstelligen als man annimmt, und so gibt es denn gar nicht so viele Duos, die in der Lage sind, aus dem Minimum das Maximum zu zaubern.

Monoski aus Fribourg gehören zu diesen Duos, die solches schaffen. Auf ihrem zweiten Album «Pool Party», erschienen auf dem Lausanner Label Vitesse Records, spielen Lionel Gaillard an der Gitarre und Floriane Gasser, die früher Violinistin war, am Schlagzeug eine wunderbar lärmige und sperrige Rockform. Getroffen haben sich die beiden im Jahr 2008 in New York City, doch weniger der Grossstadtdschungel als vielmehr die kalifornischen Wüstenlandschaften ist das Zuhause ihrer Musik.

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Auf «Pool Party» brettern die beiden aber nicht einfach besinnungslos durch eine unwirtliche, psychedelisch schillernde Blues-Rock-Landschaft, sondern begeistern durch ein fein getimtes und dynamisches laut-und-leise-Spiel. Und man merkt dank dieser Platte wieder einmal, dass es nicht viel schwierigeres gibt, als lauten, primitiven und begeisternden Rock’n’Roll zu fabrizieren. Ein Rock’n’Roll, der ganz am Ende von «Pool Party» teuflische Züge annimmt. So soll es sein.

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Release: Kaos Protokoll Tour-Doku Russland/Ukraine 2013

„zdravstvuyte. Mi Kaos Protokoll i mi iz Shveytsáriya. My rady igrat vrasi v pervyy raz. Spasibo Bol’shoye.“

Mittlerweile können wir diesen Begrüssungssatz den wir jeweils an unseren Konzerten brachten im Schlaf, aber was haben wir nicht dafür geübt.

Gut, es gab auch reichlich Flugstunden, die genug Zeit boten, sich mit den russischen Verhaltens -und Sprachregelen auseinander zu setzen.

Aber beginnen wir von vorne…

Heute, genau vor einem Jahr waren wir das erste Mal in Russland und der Ukraine auf Tour. Überhaupt war davor noch nie jemand von uns in dieser Gegend. Vorfreude mischte sich mit Spannung und Aufregung.

Zur Einstimmung schauten wir uns ein paar „Russian Traffic“ Filmchen auf Youtube an, um uns ein wenig auf das Russische „Verkehrs –Roulette“ vorzubereiten. Der Flugzeugabsturz einen Monat vor Tourbeginn in Kazan, demselben Flughafen, den auch wir noch benutzen sollten, liess natürlich auch uns nicht kalt und so gab es kurz vor Abflug in München für alle noch ein Gläschen Verdrängungs-Wodka.

IMG_95451. Tag Moskau

Moskau war unsere erste Station in Russland. Es herrschten eisige minus 10 Grad. Wir spielten im renommierten Kozlov Club. Ein netter Laden dessen Eingang leicht übersehbar durch eine „Anne Frank – Bücherregal-Türe“ führte. Der Club war längst nicht voll, aber die Leute tanzten und kaum hatten wir den letzten Ton gespielt, standen bereits die ersten im Backstagebereich und wollten Fotos und Autogramme von uns. Wir dachten, die hätten sich wohl in der Tür geirrt. Warum wollen die nun Fotos und Autogramme von uns? Es sollte nicht unsere letzte Überraschung des russischen Publikums bleiben.

2. Tag Kaliningrad

Von Moskau ging es weiter mit dem Flieger in die russische Exklave Kaliningrad. „Dreadnought“, hiess der Club, der einem U-Boot nachempfunden wurde und einen schier endlosen Gang hatte, der uns vom Backstage bis zur Bühne führte. Das Haus war voll und die Leute noch euphorischer als zuvor in Moskau. An die obligaten Autogrammstunden und Fotosessions haben wir uns mittlerweile gewöhnt, war auch nicht all zu schwer, doch unser gesamter CD Bestand war schon fast ausverkauft und das hat uns dann doch etwas überrascht, ist doch Russland eher für den Musik Download als für die Kaufkraft bekannt.

3. Tag Arkhangelsk

Weiter ging es mit dem Flug über Moskau in den noch kälteren Norden nach Arkhangelsk, ein nettes russisches Städtchen am weissen Meer. Nachmittags angekommen, war es bereits stockdunkel, aber das ist es dort immer, zumindest im Winter, egal zu welcher Tageszeit.

Wir spielten in einem Museum, der Saal war voll, die Stimmung elektrisierend. Wir wollten soeben zur Zugabe ansetzen, da packte der Veranstalter das Mikrophon und startete zu einer grossen Rede, die unser Vorhaben sogleich wieder im Keim ersticken liess. Es schien, als würde er nun rückblickend versuchen in Worte zu fassen, was wir gespielt hatten. Und ach ja, Zugaben kennen die Russen anscheinend nicht, auch wenn sie das Konzert noch so sehr genossen haben, würden sie sich doch keines falls die Hände wund klatschen. Verlässt man die Bühne, verhallt dann auch ziemlich bald mal das klatschende Geräusch.

4.und 5. Tag St. Petersburg Airport/Cheboksary

Von Arkhangelsk ging es weiter über St- Petersburg nach Cheboksary, eine Stadt an der Wolga, östlich von Moskau.

Mit 12 Stunden Verspätung endlich dort angekommen – wir hatten unseren einzigen Off-Day mit Warten am Flughafen verbracht, weil der Pilot kurz vor dem Start bemerkt hat, dass der Reifen kaputt war – empfing uns ein junger Veranstalter, der in seiner Aufregung eine Kippe nach der anderen rauchte, (er hätte sich dem Anschein nach auch gerne drei auf einmal angesteckt.) Es stellte sich heraus, dass unser Konzert seine erste selbstorganisierte Veranstaltung war und da will man sich doch, vor allem mit einer Band aus dem Westen, keine Fehler leisten.

Auf dem Parkblatz wartete dann sein Kumpane, ein kahlgeschorener eher furchteinflössender Typ mit Daunenjacke, der uns als unser Fahrer vorgestellt wurde und wie sich später herausstellen wird, sein Geld als Transporteur der örtlichen Sexarbeiterinnen verdient, indem er die hochgestiefelten Frauen zu ihren Kunden fährt und wieder abholt.

Das Konzertlokal war dann in Bezug auf die Dekoration wohl kaum zu überbieten. Ein ländliches Disco-Flair der 90’ mit einem Backdrop, das irgendwie so aussah, wie ein Verschnitt zwischen Predator und dem Maskottchen von Iron Maiden.

Für uns war es eher ein Konzert zum vergessen, aber den Leuten schien es gefallen zu haben. Ein späterer Bericht von diesem Abend im russischen Rolling Stone Magazin, fand jeweils nur lobende Worte.

6. Tag Yekaterinburg

IMG_9731Von Cheboksary ging es weiter zum Flughafen Kazan nach Yekaterinburg, die Stadt in der Zar Nikolaus II. der russischen Revolution zum Opfer fiel.

Dort angekommen erwartete uns ein junger Kasachischer Typ mit einem Kopfhörer im Ohr und dem Handy in der Hand, dessen Lockerheit so demonstrativ war, dass uns jede unserer Bewegungen schon total verkrampft vorkommen musste. Den Kopfhörer hatte er dann auch den ganzen Abend im Ohr und man wusste nie genau, ob er mit dir spricht, oder jemanden in der Leitung hat. Im „Everjazz Club“, ein gediegener Jazz-Laden mit langer Tradition begrüssten uns dann die beiden Veranstalterinnen, deren Charme unsere erkalteten Körpertemperaturen sofort wieder in die Höhe schnellen liess.

Während wir unser Abendessen genossen, spielte zuerst der lokal Matador mit seiner Jazzband gelangweilt ein paar Standarts, was uns eher befremdend vorkam, vor allem in der Vorstellung, wie wir wohl in Kürze mit unserem „Kaos“ ähnlich einer Dampfwalze die kitschig – träumerische Stimmung platt walzen werden.

Lustigerweise sorgte gerade an diesem Abend das Publikum wieder für eine unerwartete Überraschung. Wir verbeugten uns, die Leute klatschten frenetisch und brachen wiederum abrupt ab, als wir von der Bühne traten. Eine Zugabe schien uns eher aufgezwungen, als erwünscht zu sein. Komischerweise – es waren bestimmt bereits 10 Minuten vergangen – schienen die Leute immer noch auf etwas zu warten und erst als die Veranstalterin uns nochmals lieb bat, doch noch ein 1-2 Stücke zu spielen, wurde uns klar, warum.

 7. Tag Dubna

 Von Yekaterinburg ging es weiter zu einem Festival in Dubna, eine kleine Stadt in der Nähe von Moskau. Dass dieser Gig überhaupt noch stattfand, war eigentlich den Umständen entsprechend kaum mehr zu denken. Es fing schon in Yekaterinburg an, als unser lieber Kasache – es war der Tag, als die olympische Fackel auf ihrer Reise gerade Halt in der Stadt machte – vor lauter Lockerheit uns mal schön den Flieger verpassen liess. „Shit happens!“ meinte er lakonisch dazu, während wir ihn am liebsten in Stücke zerrissen hätten. 3 std. später doch noch in Moskau angekommen, folgte darauf eine ca. 2 Stündige Autofahrt nach Dubna, die wohl keiner mehr von uns so schnell vergessen wird. Gott sei dank heil angekommen, konnten wir doch noch als letzte Band des Festivals die örtliche Bibliothek beschallen. Nach 6 Konzerten, 10 Flügen und durchschnittlich 4 Std. Schlaf, neigte sich unsere Tour langsam dem Ende zu.

8. Tag Lviv

Ein letzter Gig in Lviv im westlichen Teil der Ukraine bevor es über Warschau wieder zurück in die Schweiz gehen soll. „JazzBez“ hiess das Festival und es sollte uns vor Staunen beinahe zu Salzsäulen erstarren lassen. Doch zuvor genossen wir noch ein paar Stunden in der wunderschönen Altstadt. Aus den Lautsprechern, die noch aus der Sowjetzeit in den Strassen hingen, erklang die Stimme der Ukrainischen Revolution. Im Stadtzentrum versammelte sich das Volk und demonstrierte lautstark gegen die Regierung. Es war der Anfang des später im Osten folgenden Bürgerkriegs. Beängstigend und zugleich aufregend. Man spürte förmlich die Kraft und Euphorie des Widerstands. Das Konzert fand in der städtischen Philharmonie statt, welche ein Fassungsvermögen von ca. 800 Plätzen bot. Blöd nur wenn die halb leer sein sollte, dachten wir, während wir uns für den Soundcheck installierten. Als wir später zum Konzert auf die Bühne traten, konnten wir unseren Augen kaum trauen. Der Saal war restlos ausverkauft und wir spielten wohl eines unserer besten Konzerte. Es war ein wunderschöner Abend und ein fantastischer Tourabschluss. Und hätten wir dann keine Zugabe mehr gespielt, sie hätten es uns wohl nie verziehen.

Kaos Protokoll: Flo Reichle (Drums), Marc Stucki (Sax), Benedikt Wieland (Bass)
Kaos Protokoll website
Kaos Protokoll Bandcamp

 

Buvette: «The Never Ending Celebration»

buvette-marie-taillefer-3_WEBDie neugierigste und furchtloseste Musik wird nicht in den Zentren dieser Welt geschaffen, sondern stammt aus den Provinzen. Das ist auch in der Schweiz nicht anders. Ein Beispiel ist Cédric Streuli aus Leysin, der unters einem Alias Buvette im Sommer sein bereits drittes Album «The Never Ending Celebration» veröffentlicht hat. Erschienen auf dem französischen Label Pan European Recordings, geht Buvette den Weg, der vom grellen, enorm lustigen und unterhaltsamen Pop seiner Anfangstage wegführt, weiter. Ein Weg, den er bereits auf seiner zweiten, in sich gekehrteren Platte «Palapa Lupita» eingeschlagen hatte – wie auch auf «Airplane Friendship», das dieses Jahr mit dem «Best Swiss Video»-Award ausgezeichnet wurde.

Neu ist aber die Orientierung hin zum Song: Beispielhaft dafür steht die Single «The Never Ending Party», auf der Buvette die elektronischen Kicks und Sounds behutsam zu einem Song zusammenbaut. Ein Song, der nicht auf den schnellen Effekt zielt, sondern dank dem hell-fröhlichen Refrain lange nachhallt:

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=p3z_XUuEzBk&w=640&h=360]

«The Never Ending Celebration» ist auch ein Album, in das man sich reintanzen kann – wie bei «The Sun Disappeared» und bei «Living in a Painting», dem späten Höhepunkt der Platte –, ehe Buvette die Gitarre auspackt und das Album mit dem spanisch gesungenen «El Nuevo Paraiso» endet. So bleibt Buvette – auch dank seinem eigenen Label Rowboat Records – einer der eigenständigsten Popforscher der Schweiz, der immer noch viel zu unbekannt ist.

Platte des Monats: Fai Baba «The Savage Dreamer»

FAIBABA_TheSavageDreamer_Cover_2500px_PromoEtwas unerwartet kam die Ankündigung seines aktuellen Albums, denn der Vorgänger «She‘s My Guru» erschien unlängst im Frühling 2013. Ein kurzer Blick auf die Statistik zeigt aber, dass Fabian Sigmund, besser bekannt als Fai Baba, noch nie lange Schaffenspausen eingelegt hat. Sein viertes Album seit 2010 nennt sich «The Savage Dreamer» und ist – ein weiteres Mal – grandios.

50 Minuten Genialität

Abgeklärter und erwachsener kommt das neue Album daher, ohne dass dabei die Leidenschaft und Rohheit abgetötet werden, welche Fai Babas Musik neben seiner charakteristischen Stimme kennzeichnen. Wer all die Feinheiten der Songs erfassen möchte, dem sei empfohlen, sich in ein ruhiges Eckchen zu begeben und sich während knapp fünfzig Minuten ganz der Welt von «The Savage Dreamer» hinzugeben. Auch nach dem zehnten Hördurchgang entdeckt man noch Tonspielereien, die einem vorher nicht aufgefallen sind – was für kleine Glücksmomente sorgt, als hätte man in einem Wimmelbild Walter entdeckt.

 

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Aus der Ferne heulende Gitarren und warnende Orgel- und Basstöne werden beispielsweise bei «Not That Simple» zu einer akustischen Leckerei aufgeschichtet. Auf dem achteinhalb-minütigen «New York City» verkündet Fai Baba eindringlich, dass er nicht nochmals in die Weltmetropole reisen möchte, weil er sich dort einsam fühlte. Der eindrucksvolle Instrumentalteil, der den Grossteil des Songs ausmacht, könnte meinetwegen ewig weitergehen. Ein weiteres Highlight auf dem Album ist der Opener «The Savage Dream»: Fragil und untermalt mit Piano-, Flöten- und Geigenklängen bietet der Song einen wundervollen Kontrast zu den reissenderen Stücken.

Schöner warten

Blues, Folk und Psychedelic Rock verschachtelt Fai Baba gekonnt zu einem faszinierenden Werk, das es sich ausgiebig zu erforschen lohnt. Dem Tatendrang der letzten Jahre nach zu urteilen, schreibt Fai Baba womöglich bereits fleissig neue Songs für das nächste Album. Bis dahin beschert uns «The Savage Dreamer» die wohl schönste Wartezeit auf Erden.

«The Savage Dreamer» ist am 19. September 2014 erschienen (A Tree In A Field Records).

Die nächsten Konzerte:
14.11.2014, Alte Kaserne, Zürich
06.12.2014, L’Écurie, Genève
20.12.2014, Eisenwerk, Frauenfeld

Ein heisser Abend mit Me, Valentin & You

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Bereits durch die schweren, sperrigen Vorhänge hört man, dass im Innern vom Eldorado mehr los ist als auf der menschenleeren Strasse an diesem Sonntagabend. Kaum drinnen zieht mich sogleich eine markante Stimme in den Bann. Auf der Bühne steht die Berner Band Me, Valentin & You – das Konzert hat bereits begonnen. Die Menschen in der vollen Bar in Zürich bewegen sich kaum, was vermutlich an der Hitze liegt – oder am fiesen Kater vom Vorabend. Zumindest auf mich wirkt das abwechslungsreiche Set belebend.

MVY_eldorado_2014Anfänge als Strassenmusiker

Frontmann Valentin Kugler war auf den Strassen von Bern als Solomusiker unterwegs, als er dort auf seine zukünftigen Bandmitglieder traf. So hat man manchmal das Gefühl, dass die Songs durchaus auch ohne Band funktionieren könnten. Allerdings würden dann die Dynamik und Spannung fehlen, welche das perfekte Zusammenspiel der vier Musiker erzeugt. Die Stimme von Kugler wird dadurch in den richtigen Momenten hervorgehoben – eine Stimme, die live kantiger und echter rüberkommt als auf den Aufnahmen.

Nie hoffnungslos

Als der Song «Heading Home» angestimmt wird, komme ich nicht umhin, an das phänomenale «Spanish Sahara» der britischen Band Foals erinnert zu werden. Die atmosphärischen Klänge werden von Kuglers eindringlichen Stimme in einen Refrain geführt, der Licht in die recht düstere Klangwelt bringt. Überhaupt versinken die Lieder nie in übermässigem Schwermut: Ein wenig Hoffnung schimmert stets durch.

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Album «If» für das deutsche Publikum

Nächste Woche macht sich Me, Valentin & You auf, auch die Indie-Herzen in Deutschland zu erobern. Das Album «If» wird dort am 10. Oktober 2014 veröffentlicht. Begleitet wird das Album-Release von einer kleinen Deutschland-Tour, welche die Berner Band in sieben deutsche Städte bringt. Idealerweise kommt man pünktlich zum Konzertbeginn; über meine Verspätung habe ich mich nach dem schönen Konzert im Eldorado arg geärgert.

Daten der Deutschland-Tour:
09.10.14   Haldern Pop Bar, Haldern
10.10.14   Auster-Club
, Berlin
11.10.14   Milla – Live Club
, München
13.10.14   Live Club, Bamberg
14.10.14   Blue Shell
, Köln
15.10.14   Prinzenbar
, Hamburg
16.10.14   Ponyhof
, Frankfurt

Das Album «If» (Oh, Homesick) ist in der Schweiz seit dem 28. März 2014 erhältlich.

Yellow Teeth: “Night Birds”

yellow_teeth_night_birds_cover_jpegVon Ridgecrest nach Sion

Ridgecrest hiess das Städtchen – eine Kleinstadt in der kalifornischen Wüste. Meine Weggefährten und ich erholten uns dort von einer langen Autofahrt, kochten Supermarkt-Käse-Macaroni auf dem Parkplatz vor unserem Motelzimmer und blickten die lange Strasse hinunter, im Hintergrund die Gipfel der Sierra Nevada. Klingt ein wenig klischeehaft, doch so hat es sich tatsächlich abgespielt. Gefehlt hat einzig die passende Musik. Als ich vor einigen Tagen das erste Mal Yellow Teeths Debütalbum «Night Birds» durchhörte, dachte ich mir: “Ach, wie gut er in diese Szenerie reinpassen würde, wie er auf der Ladefläche eines dreckigen Pickups seine Lieder vorträgt.”

“Night Birds” erzählt Geschichten

Es sind simple Verse, sanftes Gitarren-Picking, die eindringlichen Mundharmonika-Klänge, welche uns die Geschichten lebhaft vor Augen führen. Das wohl beeindruckendste und ergreifendste Element der zehn Folksongs ist aber die Stimme. Manchmal überschlägt sie sich und manchmal werden Wörter fast verschluckt. Die Geschichten erhalten aber gerade dadurch Authentizität. Man glaubt keine Sekunde lang, dass Tiziano Zandonella, der hinter dem Künstlernamen Yellow Teeth steckt, leere Floskeln runterrasselt.

[youtube=https://www.youtube.com/watch?v=41nNrNN-b48]

Ohne Pathos und frei von abenteuerlichen Effekten entfalten die Songs auf dem Album ihre Wirkung vollends. Der Song «Lou Jane» etwa mit dem Mundharmonika-Solo, das einen bis in die Träume verfolgt, ist schlichtweg schaurig schön. Und hätte Yellow Teeth vor sechs Jahren in Ridgecrest von der Ladefläche eines Pickups «Love comes from her heart, love comes from her heart» in die trockene Wüstenluft gerufen, er hätte uns die perfekte amerikanische Idylle beschert.

“Night Birds” wurde am 29.08.2014 veröffentlicht (Vitesse Records)

Yellow Teeth bandcamp

Die aktuellen Konzertdaten findest du hier!